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Warum ist die Präsidentschaftswahl schon entschieden? – Politische Kultur und Wahlverhalten in der Ära Putin“

Veranstaltung gemeinsam mit dem Berlinhaus und den Moskauer JOE’s Diskussionsrunde am 11. März 2003 zum Thema


„Vor der Wahl ist nach der Wahl“, deklarierte Dr. Jakob Fruchtmann, derzeit Humboldt-Stipendiat am Institut für angewandte Soziologie der RAN und einer der Referenten bei der letzten Diskussionsrunde im Berlinhaus.

Angesichts dessen ging es ihm und dem zweiten Vortragenden, Prof. Dr. Alexander Tschepurenko, ebenfalls vom Institut für angewandte Soziologie, auch nicht um Prognosen zum Wahlausgang.

Als weitaus interessanter erwiesen sich an diesem Abend die Fragen danach, bei welchen Schichten der russischen Gesellschaft Putin starke Unterstützung findet und welche Hoffnungen mit seiner Präsidentschaft verbunden werden.

Jakob Fruchtmann erklärte, daß die Popularität des Präsidenten in großem Maße auf die Zuschreibung positiv belegter Charaktereigenschaften zurückzuführen sei. So repräsentiere er Ordnung, Vitalität, eine hohe Arbeitsmoral, Wille, dem Staat zu dienen und militärische Stärke. Interessanterweise decken sich diese Charakterisierungen mit denen, die gemeinhin in Rußland mit dem Bild der Deutschen verbunden werden, fügte Alexander Tschepurenko hinzu. Dies belege jedenfalls eine Umfrage, die vor einigen Jahren von der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Deutschlandbild der Russen durchgeführt wurde.

Fruchtmann meinte auch eine gewisse „Farblosigkeit“ bei Putin ausmachen zu können, die es jedem erlaube, in ihm die eigenen Vorstellungen verwirklicht zu sehen. Das Urteil jedes Einzelnen über Putin falle deshalb auch immer stark subjektiv und emotional geprägt aus. Eben dies wurde auch in der Diskussion mit den circa 60 russischen und deutschen Teilnehmern deutlich. So meinte eine Rednerin, daß Putin Rußland verstehe und empfinde, weshalb er alles in seinen Kräften stehende tun wird, um dieses Land einer sicheren Zukunft entgegenzuführen. Andere widersprachen und betonten die autokratischen Tendenzen, die sich in der ersten Amtszeit Putins extrem verstärkt hätten und die niemals zu einer positiven Entwicklung führen könnten.

Das Gespräch im Berlinhaus spiegelte demnach die allgemeine Situation im Land wider. Für oder gegen Putin zu sein, ist zu einer persönlichen Glaubensfrage geworden, die die russische Gesellschaft teilt. Entsprechend werden einige der Zuhörer an diesem Abend in ihrer Entschlossenheit gestärkt worden sein, ihre Stimme dem amtierenden Präsidenten zu geben. Die andere Hälfte wird ihre Meinung, daß es sich bei der Wahl faktisch nur eine Wiederbestätigung des Amtsinhabers handele, beibehalten haben und entsprechend am darauffolgenden Sonntag gar nicht erst zur Wahl gegangen sein.

„Glaubensfrage ja – Glaubenskrieg jedoch nicht“, kann man bei dieser Polarisierung vielleicht feststellen. Jedenfalls entstand solch ein Eindruck im Laufe der Diskussion und beim wie immer lebhaften Ausklang im Berlinhaus bei einem Glas Sekt.
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